Spitzbergen, Sommer 1999

 


 

 

Unternommen mit: Wolfgang Rainer

 

Vortrag: "Spitzbergen – abenteuer europäische arktis"

 

Sponsor: Northland Professional

 

 


 

Bericht:

 

   

 

Am 05.07.1999 landete ich, gemeinsam mit meinem Reisepartner Wolfgang, zum ersten Mal in Longyearbyen, dem Haupt- und Verwaltungsort, auf Spitzbergen.

 

Die Mitternachtssonne zog ihre Bahnen über uns, trotzdem war es in 78° nördlicher Breite mit 5 Grad Celsius Julidurchschnitt bedeutend kühler als am Festland. In dem damals 1300 Einwohner zählenden Hauptort (es gibt insgesamt nur vier bewohnte Siedlungen) verbrachten wir die ersten Tage mit organisatorischen Dingen, wie zum Beispiel dem Ausleihen eines Motorbootes, mit dem wir Ausrüstung und Verpflegung für den ersten Monat (insgesamt über hundert Kilo) zu unserem Basislager (weiter im Westen) bringen wollten. Weiters mußten wir unsere Ausrüstung sortieren, fehlende Lebensmittel besorgen und die Mahlzeiten portionieren. Wir liehen uns auch ein Gewehr (damals besaß ich noch keine eigene Waffe) als Schutz gegen Eisbären, von denen es etwa 3000 im Archipel gibt.

 

Nachdem alles erledigt war, schifften wir unsere Habe zu einer russischen Nothütte, die uns als Basislager ideal erschien. Wir brachten das Boot zurück nach Longyearbyen und wanderten einen langen Tag über die Berge zu unseren Vorräten. Endlich waren wir der Zivilisation entkommen, nur noch das Rauschen der Wellen und das Geschrei der Seevögel war zu hören, das Abenteuer Spitzbergen konnte beginnen!

 

Am nächsten Tag beluden wir unsere Rucksäcke mit Lebensmitteln und Brennstoff für vierzehn Tage (am Anfang einer Tour hatten wir immer 30 bis 35 Kilo am Rücken) und marschierten los. Diese eindrucksvolle Tour führte uns durch die Halbinsel Nordenskiöld Land, das Gebiet Spitzbergens, das am wenigsten vergletschert ist, und dadurch dem Wanderer viele interessante Möglichkeiten bietet. Unsere Route in der weglosen Tundra Spitzbergens führte uns durch breite, versumpfte Täler, über Pässe, durch reißende Gletscherflüsse und entlang der wunderschönen Küste dieses Gebietes. Wir kamen auch durch den von 800 Russen bewohnten Ort Barentsburg, eine heruntergekommene Enklave, in die offensichtlich nicht mehr investiert wird.

 

Wir wanderten täglich etwa acht Stunden durch beeindruckende Landschaften, abends stellten wir das Zelt auf einem übersichtlichen Platz auf, um Eisbären früher sehen zu können und von ihnen nicht an einem fluchtweglosen Platz überrascht zu werden. Das Wetter war in den ersten beiden Wochen herrlich und die Sonne knallte nachts fast senkrecht vom wolkenlosen Himmel.

 

Allerdings sind schnelle Wetteränderungen in Spitzbergen an der Tagesordnung, und so viel Glück wir bei unserer ersten zweiwöchigen Tour hatten, so viel Pech hatten wir bei der Zweiten. Tagelang war das Land in Nebel gehüllt und wir verbrachten gezwungener Maßen viel Zeit bei relativ starkem Niederschlag und Temperaturen, die nur knapp über dem Gefrierpunkt lagen, im Zelt. Trotzdem konnten wir in kurzen Schönwetterperioden einige Gipfel besteigen und die Tierwelt bestaunen. Die kleinwüchsigen Rentiere Spitzbergens kamen aus Neugier bis auf wenige Meter heran, Polarfüchse lugten beim Vorbeigehen durch den Zelteingang und die Vögel tanzten um unsere Köpfe. Nach einem Monat lösten wir unser Basislager in der russischen Hütte auf und kehrten für ein paar Tage nach Longyearbyen zurück, wo wir die Vorbereitungen für unseren nächsten Ausflug, der uns an die Ostküste und wieder zurück führen sollte, trafen.

 

Groß war der Wunsch durch die Täler zu streifen und so brachen wir schon nach wenigen Tagen auf. Jedoch die Natur zeigte uns diesmal ihre Krallen, wir wanderten fast ständig in kaltem Nieselregen, mußten mühevoll tiefe Sümpfe und breite Flüsse durchqueren und verbrachten so manchen Tag bei heftigem Regen im Zelt. Nachdem wir einen Gletscher überquert hatten, blickten wir durch Nebelfetzen, über die zerrissene Gletscherzunge des Elfenbeinbreen, zur Ostküste, wo wir im Meer einige Eisberge erkennen konnten. Das Wetterpech blieb uns auch beim Rückmarsch erhalten und hie und da schneite es.

 

Wieder in der Zivilisation organisierten wir eine Mitfahrgelegenheit mit einem Ausflugsschiff, das uns im Billefjord (weiter im Norden) aussetzen, und nach zwei Wochen bei der 1998 aufgelassenen russische Siedlung Pyramiden wieder aufnehmen sollte. Ein paar Tage später standen wir bereits am Strand des hinteren Billefjords und sahen dem Schiff nach, das sich langsam entfernte. Wir waren wieder allein. Die Wanderung führte uns durch grandiose Landschaften immer weiter Richtung Norden. Seehunde verfolgten uns buchstäblich und schwammen oft stundenlang der Küstenlinie folgend mit uns mit. Eisblöcke, die von riesigen Gletscherzungen abbrachen, schwammen im Wasser und des öfteren konnten wir Bartrobben beobachten, die auf ihnen lagen und sich ausruhten. Über einen hohen Paß gelangten wir an den Wijdefjorden bzw. an die Nordküste Spitzbergens. Es war eine richtige Urlandschaft. Auf der westlichen Seite waren die Berge sehr schroff, im Osten lag ein Eisstromnetz dessen Zungen bis in den Fjord reichten. Wir hatten Ende August gutes aber sehr kaltes Wetter und nach zweiwöchigem Marsch erreichten wir die aufgelassene Kohlesiedlung Pyramiden, in der über den Sommer 1999 ein paar Arbeiter stationiert waren, die Aufräumarbeiten verrichteten. Wir warteten am verfallenen Kai wie besprochen auf die Ankunft des Ausflugsschiffes, welches jedoch nicht kam (wie wir später erfahren sollten wurde diese Destination einfach nicht mehr angefahren). Wir saßen fest, hatten kaum noch Lebensmittel und keine Möglichkeit mit Longyearbyen zu kommunizieren. Unsere einzige Hoffnung waren die stationierten Russen. Sie hatten keinen Funkkontakt mit Barentsburg oder Longyeabyen, gaben uns jedoch zu Essen und warteten selbst schon lange auf Lebensmittelnachschub aus Barentsburg. Sie hatten für uns so wenig, dass wir nach jeder Mahlzeit (die wir mit harter Wehrung kräftigst löhnen mussten) mit knurrendem Bauch aufstanden. Wir zelteten im Ort (uns wurde nicht erlaubt obwohl es permanent regnete in einem der vielen, verlassenen Häuser zu übernachten) und verbrachten Tage mit leerem Magen bei starkem Niederschlag im Zelt, bis wir nach einer Woche das erlösende Knattern eines Hubschraubers hörten. Die Situation des hilflosen Dahinvegetierens war schon fast unerträglich geworden. Der Pilot des Transporthubschraubers nahm uns gerne mit und setzte uns bei unserem Basislager des ersten Monats auf Spitzbergen ab. Wir waren glücklich, denn nur noch ein Tagesmarsch trennte uns von einem gedeckten Tisch in Longyearbyen, was uns ungemein vorantrieb, und am Abend des selben Tages erreichten wir bereits den Ort.

 

Es war September geworden, die Sonne ging jeden Abend eine viertel Stunde früher unter und jeden Morgen eine viertel Stunde später auf, Stürme und Schneefall setzten ein und die Temperaturen bewegten sich nur noch im negativen Bereich. Wir unternahmen Tagesausflüge und wählten den Campingplatz des Ortes zu unserem Basislager.

 

Nur noch einmal brach ich für eine gesamte Woche zum Bergsteigen ins Adventdalen auf und hatte ein paar wunderschöne, winterliche Gipfelerfolge. Ansonsten bestiegen wir die Berge um Longyearbyen und genossen es nach beinahe dreimonatigem Wandern in der Wildnis Spitzbergens, heißen Kaffee in geheizten Kaffeehäusern zu trinken, während der Sturm den Schnee durch die Gassen fegte, bis wir am 31.September die Inselgruppe verließen und nach Norwegen zurückkehrten.

 

 


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