Mein Buchprojekt

 

"UNTERWEGS - ein radausflug von lappland nach sydney"

 

zum Reisebericht

 

Lies einen Kapitelauszug:

(vom Ostiran durch die Wüste nach Pakistan)

 

 

26.       Wüste Freunde

 

07:30 Uhr. Wir tragen unsere Räder über die steile Stiege des kleinen Hotels und hinaus auf die staubige Gasse. Alles scheint noch fest zu schlafen als wir leise durch die Strassen Bams rollen. Kaum Menschen. Kein Verkehr. Die Wüstenluft erscheint so früh am Morgen beinahe kühl. Das ist gut. Wir verlassen die kleine Oasenstadt. Meine Glieder beginnen langsam aufzuwachen, der Körper findet schnell wieder Gefallen an dem monotonen Rhythmus des Tretens und mit dem anfänglichen Rückenwind kommen wir gut voran. Schnell nimmt die Vegetation ab. Die Dattelpalmenwälder Bams lassen wir im Nu hinter uns und nachdem wir den Ort Faraj passiert haben, kommen wir in eine flache Wüstenlandschaft aus dunklem Sand. Sie scheint bis zum Horizont und noch viel weiter zu reichen. Hoch steht die Sonne am Himmel. Das Thermometer klettert auf über 50 Grad. Die Strasse ist ein endloser dunkler Strich in der trostlosen Weite, der uns den Weg nach Osten zeigt. Trostlos, heiß, endlos, tot. Trotzdem übt diese lebensfeindliche Wüstenlandschaft eine Faszination auf mich aus. Eine Einladung zum Träumen. Der Körper wird im monotonen Pedaletreten fast Nebensache. Wenn es bloß nicht so verdammt heiß wäre!

Wir stoppen. Stehen am Straßenrand. Trinken aus unseren Radflaschen in denen das Wasser beinahe am Kochen ist. Es schmeckt scheußlich. Ich blicke über die unendliche Weite ins Nirgendwo. Patrick steht neben mir, fasst mich kräftig mit seiner linken Hand an der rechten Schulter, schaut mich ernst und ermahnend an. Lässt dann seinen Blick über das weite, flirrende Nichts schweifen, während er mit seiner rechten Hand eine alles umfassende Bewegung macht: „Dies Land mein Sohn“, er nickt bedächtig, „soll von nun an dir gehören!“ Ich schaue ihn entsetzt an. „Aber Papa…“, beginne ich zu jammern. Doch er packt mich noch fester und bestimmter an der Schulter: „Pflanze hier Karotten und Reis! Dies Land soll dich und deine Familie nähren!“ „Äh,…“, ich lächle gequält, „danke Papa!“ Wir lachen. „Muss ich jetzt wirklich hier bleiben?“ Wir nehmen noch einen Schluck siedendes Wasser. „Karotten!“ meint Patrick, den Zeigefinger erhoben, noch einmal während wir auf unsere Esel klettern. Fröhlich strampeln wir wieder los.

Unendliche Weite. Unendlich heiß. Ein Landcruiser überholt uns. Lachend winken uns die Insassen beim Vorbeifahren zu und rufen fragend „Ab? Ab? (Wasser? Wasser?)“ Wir nicken, lachen und winken zurück. Sie halten kurz vor uns, rechts neben der Strasse. Ich schwenke ebenfalls nach rechts und möchte hinter dem Auto im Sand stoppen. „Sand!“ schießt es mir wie ein Blitz durch den Kopf. Doch zu spät, meine Räder haben sich schon im weichen Sand eingegraben und  festgefahren. Ich strauchle, komme nicht aus meinen Pedal-Klips und kippe wie ein Brett um. Patrick hat die Gefahr erkannt. Er bleibt auf der Strasse, fährt links an mir vorbei, doch ich falle genau auf ihn. Auch er schafft es nicht aus seinen Pedalen zu kommen und stürzt in Zeitlupe mit mir auf die Strasse. Wie ein Knäuel ineinander verheddertes Seil liegen wir erst fluchen und dann lachend hinter dem Landcruiser. Befreien uns aus unseren Pedalen. Stehen mühsam und mit viel „Uh“ und „Autsch“ wieder auf. Stellen die Räder ordnungsgemäß an den Straßenrand und mit „Tatah!“ ziehen wir letztendlich unsere Kappen und verbeugen uns vor den drei Iranern, die unsere Metamorphose von Knäuel zu Mensch und Rad hinter ihrem Auto teils verwundert, teils belustigt mitverfolgt haben. Jetzt lachen wir alle und nachdem wir die üblichen drei Fragen, Woher? Wohin? Wie heißt unser Vater? richtig beantwortet haben (Vor allem wohin wir wollen ist recht einfach. Es gibt hier nur diese eine Strasse, die quer durch die Wüste zur Stadt Zahedan geht und weiter an die Grenze nach  Pakistan), warten sie uns eiskalte Getränke, Brot und Äpfel auf. Sie laden uns ein heute bei ihnen zu übernachten. Wir sind verwundert: „Wo ist bei euch?“ Hier gibt es doch außer Sand und Sonne bis zur Stadt Zahedan nur ein paar Polizeistationen? Und Uniform haben unsere neuen Freunde keine an. Sie erzählen uns in gebrochenem Englisch, dass sie Arbeiter sind, die bei der Station Kakurak eine Moschee bauen. Bis dort sollen wir heute fahren und bei ihnen zu Gast sein. Die schnurrbärtigen Burschen sind ungemein freundlich und sympathisch. Sie schreiben uns einen Zettel mit einer Nachricht für ihre Kollegen bei der Baustelle. Die sollen sich um uns kümmern, falls unsere drei Freunde von der Landstrasse noch nicht dort sein sollten wenn wir ankommen. Nachdem sie uns noch eine Ladung Kekse zugesteckt haben, düsen sie lachend und winkend weiter.

Im Verlauf des Tages halten noch etliche Fahrzeuge. Meist sind es LKWs. Die Fahrer wollen wissen woher wir kommen, wohin wir fahren und wie unser Vater heißt. Sie versorgen uns mit eiskaltem Wasser und Lebensmitteln bis zum Abwinken. Die Freundlichkeit der Menschen in dieser abgelegensten Gegend des Iran ist enorm. Es gibt kaum ein Auto, das ohne zu halten an uns vorbeifährt. Beim Stoppen vermeide ich nun tunlichst nicht im hübschen Sand neben der Strasse zu halten.

Wir erreichen die erste Militärstation des Tages, Shur Gaz. Werden hier ebenfalls mit kaltem Wasser ausgestattet und eingeladen über Nacht zu bleiben. Dazu ist es uns allerdings noch zu früh am Tag und so strampeln wir weiter, dem endlosen Flirren am Horizont entgegen. Kein Tropfen Schweiß auf der Haut. Kaum dass wir mal Pinkeln müssen, obwohl wir den ganzen Tag literweise trinken. Die trockene Hitze scheint das Wasser direkt aus unseren Körpern zu saugen und lässt uns salzverkrustet und ausgedörrt auf unseren Rädern zurück.

Gegen Abend kommen wir nach Kakurak, wo wir von freundlichen Polizisten begrüßt werden. „Salam! Salam my friend!“ Wir sollen doch bei ihnen übernachten, geben sie uns zu verstehen. Doch wir müssen sie enttäuschen und zeigen ihnen den Zettel unserer Arbeiterfreunde. Sie schicken uns weiter zur kleinen Baustelle nebenan. Dort stehen bereits ein paar Mauern. Auch ein Raum ist schon fertig, aber die Gestalt einer Moschee kann man nur erahnen. Von unserer Auto-Bekanntschaft ist niemand zu sehen. Die vier Burschen, die wir hier antreffen, studieren neugierig unseren Zettel. Sie lächeln und nicken. Wir dürfen bei ihnen Zelten und stellen das Innenzelt auf. Auf das Außenzelt wird verzichtet, es ist ja viel zu heiß. Und schon hocken wir auf Teppichen am staubigen Boden zwischen unseren Gastgebern und geben mit Händen und Füssen gestikulierend unsere Geschichte des „woher, wohin und wieso“ zum Besten. Nachdem wir geklärt haben, welchen Namen unser Vater trägt und wir uns ebenfalls nach den Namen der Väter unserer Freunde erkundigt haben, ist jegliches Eis geschmolzen. Später kommen noch die Jungs von der Landstrasse. Ein enormes Hallo, Hände schütteln und Schultern klopfen. Wir sind in die Familie der Moscheearbeiter aufgenommen und verbringen einen gemütlichen Abend bei Kerzenschein und Unmengen Tee in einer der ungemütlichsten Gegenden der Erde, in der ich je gewesen bin. Spät kriechen wir hundemüde in unser Zelt.

Die Nacht ist ein einziger Albtraum! Der Boden ist von der enormen Hitze des Tages so aufgeheizt, und die stickige Luft noch immer so verdammt warm, dass ich mich fühle wie ein Eisbär in einer Sauna mit Fußbodenheizung. Der Schweiß rinnt mir in Strömen aus allen Poren. Ich versuche eine Position zu finden, bei der ich so wenig wie möglich den Boden berühre. „Auf Zehenspitzen stehen wäre vielleicht am besten“, geht es mir durch den Kopf. Das versuche ich dann doch nicht und wälze mich von einer Seite auf die andere und wieder zurück. Patrick geht es nicht anders. Ich verwünsche unser aufgebautes Innenzelt, das die Hitze noch mehr um uns zu halten scheint. Schleppe mich - nach ein paar Stunden harten Kampfes gegen das Zerrinnen - fluchend hinaus und lege mich auf einen der Teppiche im Freien. Hier ist es nicht viel besser. Die warme Luft steht und die Bodenheizung versucht ihr Bestes dazu beizutragen mich vom Einschlafen abzuhalten. „Oh Mann, wie kann man hier nur freiwillig länger als es irgendwie sein muss bleiben…?“

Am nächsten Tag bin ich hundemüde. Trotzdem stehen wir zeitig auf. Unsere Gastgeber sind schon beim Aufbrechen und wollen arbeiten bevor es mittags unerträglich heiß wird. Nach dem obligatorischen gemeinsamen Foto, das wir mit unseren Kameras von uns allen machen sollen, verabschieden sie sich. Nur einer bleibt. Ein schlaksiger Bursche, mit Schnurrbart und einem permanenten Lächeln im Gesicht. Er fühlt sich dazu berufen uns bei allem zu helfen. Wasser holen. Wasser in unsere Flaschen füllen. Töpfe waschen. Er spricht kein Wort Englisch und wir brauchen eine halbe Ewigkeit bis wir schließlich alles gepackt haben und  in die Pedale treten. Langes Winken zum Abschied und wir entfernen uns hinaus in die ewig heiße Wüste.

 

 

27.       In der langweiligsten Landschaft der Welt

             

Ein weiterer Tag durch endlose Sandlandschaft und schattenlose Hitze liegt vor uns. Wie schon am Vortag bleiben LKW-Fahrer stehen, um uns nach dem Namen unsers Vaters zu fragen und uns mit einskaltem Wasser zu versorgen. Plötzlich steht rechts ein Dach. „Hä? Eine Fatahmorgana, oder was?“ Einfach ein Dach. Darunter eine Betonfläche, sonst nichts. Wir halten. In meinem Kopf spielen Tocotronic „Wir haben gehalten. In der langweiligsten Landschaft der Welt…“. „Das gibt’s ja wohl nicht. Das ist eine Moschee. Oder zumindest ein Gebetsplatz.“ Patrick deutet auf ein alles erklärendes Schild, auf dem eine Moschee abgebildet ist. „Da haben sie aber wirklich vergessen einen Colaautomaten dazuzubauen …“.

Ein alter Mercedes hält. Lachende Gesichter. Die Kinder sind als erste draußen und befummeln kreischend unsere Fahrräder. Die Mama, hellbraune Kutte, hellbraunes Kopftuch, lächelt und hält sich - wie es hier so üblich ist - im Hintergrund. Der Papa ist ein äußerst netter, freundlicher Mann in den späten Dreißigern. Schick gekleidet in schlabbrige Anzughose und weißbraunes Hemd. Er stellt die üblichen Fragen und öffnet den Kofferraum des Mercedes. Ein den Kofferraum beinahe ausfüllender Eisblock kommt zum Vorschein. Behutsam hebt er ihn auf den Gebets-Betonplatz und beginnt ihn am Boden zu zerschlagen. Wir füllen unsere Flaschen mit den Brocken. „Mmh, lecker! Durchfall inklusive…“ Patrick gibt mir verschmitzt zwinkernd „Thumbs up“.

Abends erreichen wir nach kräftezehrender Wüstenfahrt, bei der uns die Sonne fast aus dem Sattel brannte, Nosrad Abad. Der Ort ist ein staubiges Lehmdorf, bestehend aus wenigen Häusern, links der Strasse. Kernstück ist eine kleine Miltärstation. Wir wollen wieder versuchen Freunde zu machen, doch haben wir kein Glück. Die ersten Offiziellen, die wir kennen lernen, sind freundlich. Sie nehmen uns mit zu ihrer kleinen Kaserne und bieten uns an hier zu Zelten. Weitere Leute in Uniform scharen sich um uns. Es wird diskutiert. Wir verstehen kein Wort. Doch ist es unschwer zu erkennen, dass ein paar der neu Hinzugekommenen uns hier überhaupt nicht haben wollen. Letztendlich werden wir ziemlich forsch hinausgeworfen und stehen ganz verwundert auf der staubigen Strasse vor der Kaserne. Die Schar Kinder, die schon bei unserer Ankunft im Ort ständig um uns herum war, hat gewartet und begleitet uns auf Schritt und Tritt. Lachen. Zupfen. „What’s your name?!“ Angreifen. Lachen. „Hello! Hello!“ Mit der Schaltung spielen. Und das ganze wieder von vorne. Sie sind ungemein lästig. Wir haben gerade keine Lust Kindergärtner zu spielen. Die Erwachsenen wollen nicht wirklich etwas mit uns zu tun haben und strafen uns mit Ignoranz. Patrick fragt nach einem Geschäft. Ja, gibt es. An der Strasse, wo sonst? Der drei Quadratmeter große Laden gehört einem Herrn älteren Semesters, mit grauem Schnauzer und schütterem Haar. Er lächelt. Ein paar Zähne fehlen. „Salam!“ Er ist der einzige hier, der uns weiterhelfen möchte. Nachdem es schon am Dunkelwerden ist, fragen wir ihn nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Er spricht und versteht kaum ein Wort Englisch. „Ask military.“ gibt er uns zu verstehen. „Nein, nein, irgendwas anderes brauchen wir.“ Es dauert eine halbe Ewigkeit bis wir uns verstehen und er zeigt auf die Strasse geradeaus, die ins Nichts führt und sagt immer wieder: „Motorasta. Motorasta.“ Wir blicken angestrengt in die Richtung. Sehen nichts. Wie beschließen weiterzufahren. Kaufen Bohnendosen für Abendessen und Frühstück, bunkern Wasser, winken zum Abschied und strampeln wieder los. Die Horde Kinder, die mit uns mitläuft, bleibt langsam zurück. Sie heben Steine auf. Ich schreie zu ihnen zurück: „ He! Wenn du den Stein wirfst sag ich´s beiden, deinem Papa und deinem Opa!“ Ob das etwas hilft? Besser den Kopf einziehen. Doch es fliegt kein Stein. Wir fahren nebeneinander. Patrick dreht sich zu mir rüber: „Was ist das für ein verdammtes  Kaff hier? Passt ja überhaupt nicht zu der Gastfreundschaft, auf die wir sonst überall im Iran treffen.“ Ich zucke mit den Achseln: „Bin ja schon gespannt was diese Motorasta ist. Halten wir für alle Fälle mal nach einem Zeltplatz Ausschau. So nahe beim Ort habe ich allerdings nicht besonders Bock.“ Der Ort bleibt hinter uns zurück, guter Zeltplatz ist natürlich keiner zu finden. Da erscheint rechter Hand noch ein Gebäude. „Ha! Das muss wohl diese berühmte Motorasta sein! Hoffe das ist dort OK. Ich hab keine Lust mehr in die Dunkelheit zu fahren.“ Patrick nickt zustimmend. Wir biegen rechts auf einen unasphaltierten Parkplatz ein. Die Motorasta ist eine Art Rasthaus im entferntesten Sinn. Vom Parkplatz geht eine Stufe zu einem betonierten Vorplatz mit Tischen. Dahinter befindet sich die offene Vorderseite des Hauses in dem sich weitere Tische und die Küche befinden. Das Gebäude muss in seinen besten Jahren wohl mal weiß gewesen sein. Jetzt ist es immerhin noch weißlich, sieht aber nicht ungepflegt aus. Viele Leute stehen offensichtlich planlos am Park- und Vorplatz herum. Starren uns an. Stehen. Wo sind wir denn hier schon wieder gelandet? Plötzlich kommt einer auf uns zu. Typischer iranischer Kurzhaarscheitel, Schnauzer, Hemd und verbeulte Anzughose. Woher? Wohin? Wie heißt der Vater? Wir verstehen uns. Lachen! Die Leute hier warten auf den Bus nach Zahedan. Kommen jetzt neugierig zu uns und mit viel „Salam! How are you?“ und Händeschütteln werden wir bestaunt. Die Räder von Kennerblicken untersucht. Zahnkränze gezählt. Dann ehrerbietendes Kopfschütteln und bestätigene „Z-z-z-z…“ -Laute. Unser Freund, er ist auch der einzige der wirklich Englisch spricht, managt unseren Abend. Wir dürfen Zelten wo wir wollen. Später wird das Lokal geöffnet und wir bekommen Eier serviert. Der Bus nach Zahedan fährt ein und nimmt die ganze Meute mit. Winken bis der Bus im Nichts verschwindet.

Wir stellen das Zelt vorerst auf den Parkplatz. Doch je dunkler es wird, desto mehr LKWs beehren die Motorasta. Also heben wir unsere mobile Bleibe rechts neben das Gebäude, auf die Betonplattform auf der das Haus steht. Wir lümmeln am Boden, genießen die kühlere Luft der Nacht, löffeln eine Dose Bohnen. „So praktisch! Gut, dass wir die kleine Reisemikrowelle zu Hause gelassen haben. Ist ja herrlich warm.“ „Ja, eins der besten Länder, wenn’s um den Genuss lauwarmer Dosenbohnen direkt aus der Dose geht.“ Später gibt es noch Reis und Spiegeleier vom Chefkoch. „Verdammt!“ Patrick stochert im Essen, „Die sind nicht durch! Und meine Verdauung ist nach den vielen LKW-Wasserspenden ohnehin schon wieder mal hinüber.“ „Dann ist’s ja eh schon egal, oder?! Mahlzeit!“ Die Eier sind lecker! Später gesellt sich noch ein sehr offiziell aussehender dicker Mann - natürlich mit Schnauzer - zu uns. Er erzählt dass er Gewichtheber ist und hier die LKWs nach Drogen kontrolliert. Wir plaudern lange mit ihm über Gott (wer auch immer das sein mag), die Welt und Drogenschmuggel und legen uns dann hinter unserem Zelt auf den harten Betonboden ins Freie. Die Temperatur ist viel angenehmer als in der vergangenen Nacht. Einmal in der Horizontalen falle ich sofort in einen tiefen erholsamen Schlaf.

Man hätte das Zelt hinter uns wegtragen können, ich hätte es nicht bemerkt. Habe geschlafen wie ein Siebenschläfer. Wir beginnen den Tag mit einem Gourmetfrühstück. Eine Dose braune Bohnen (diesmal nicht ganz so warm) mit altem Fladenbrot aus Bam. Alles rund um uns schläft noch. Auf den Tischen vor dem Haus, an denen wir gestern Abend gesessen sind, liegen der Besitzer und noch ein paar Gäste in beängstigender Höhe am Rücken und schnarchen fröhlich der aufgehenden Sonne entgegen. Leise packen wir unsere Sachen und radeln im Morgengrauen los. Wieder Wüste. Wieder Hitze. Doch geht es heute noch zusätzlich beinahe ständig bergauf und wir haben permanent Gegenwind. Trotzdem rollen wir frisch und bestens ausgeruht zügig dahin. Wie schon an den beiden vorhergegangenen Wüstentagen wird uns immer wieder Wasser von vorbei- oder entgegenfahrenden Autos und LKWs gereicht. Wir passieren die Polizeistation Tal Siyah und nach einem weiteren Pass erspähen wir entfernt Zahedan. Die einzige größere Siedlung im Ostiran und die definitiv letzte Stadt vor der Grenze zu Pakistan.

 

 

28.       Good bye Persia

 

Wir radeln durch die Strassen. Zahedan wirkt auf den ersten Eindruck nicht gerade wie eine Perle und ist etwas heruntergekommen. Zuerst wollen wir ein Hotel suchen, um unsere Räder loszuwerden. Viele Leute sind auf den Strassen und wir beginnen nach einer Unterkunft zu fragen. Doch irgendwie kommen wir immer an die Falschen. Wir werden in unverständlicher Sprache bewitzelt, ausgelacht. Die Räder und wir angegrabscht, angestarrt, wieder belacht. Das Menschenknäuel um uns wird immer größer. Geholfen wird uns nicht. Wen auch immer wir fragen, wir bekommen keine vernünftige Antwort. Mir beginnt es auf den Geist zu gehen: „Lass uns hier mal abhauen, sonst werd’ ich noch zum Amokläufer.“ Wir rollen mit viel „Bitte auslassen! Danke!“ und „Auf Wiedersehen! Grüß euch!“ wieder auf die Strasse. Nehmen unser Schicksal in die eigenen Hände, bis wir endlich erfolgreich eine Billigabsteige in der Bazargegend gefunden haben. Verfolgt von unzähligen Kindern, die alles angreifen und mit den Ganghebeln spielen müssen und außer über-uns-Lachen nichts im Sinn haben. Beim Einchecken in die Unterkunft schaut man uns ebenfalls ganz schief an und ich habe schon beinahe Angst, dass uns der skeptische Rezeptionist im dunklen Anzug wieder auf die Strasse setzt. Aber er taut auf und wir können bleiben. Noch das Anmeldeformular ausfüllen. Woher? Wohin? Wie heißt der Vater? Immer das gleiche. Mühsam. Endlich sind wir mit unseren Rädern im Zimmer. Türe zu. Kinder draußen. Ich leg mich auf mein Bett. „Phu, ist das anstrengend!“ „Wieso sind wir eigentlich in Zahedan stehen geblieben? Hier gibt’s ja nicht einmal was Besonderes zu sehen.“ „Keine Ahnung. War wohl ein Fehler.“ Aus dem Fenster blicken wir hinunter auf schmutzige Strassen und verlotterte Häuser. „Ach was soll’s, jetzt gehen wir uns mal umschauen.“ Und siehe da, ohne die Räder und dem schreiend-gelben Radtrikot, stattdessen mit dunkler langer Hose und Hemd getarnt ist unsere Bazarrunde eigentlich ganz nett und wir revidieren, das es ein Fehler war hier zu stoppen. Wir kochen im Zimmer und versuchen von den Hotelangestellten etwas über die Wüstenstrecke bis zur Grenze und weiter auf der pakistanischen Seite zu erfahren. Doch außer „Dangerous“ und „Pakistan is no good“ bekommen wir nicht viel Auskunft. Für mich ist es immer wieder verwunderlich, dass vor allem in armen grenznahen Gebieten die Leute oft schlecht über ihre Nachbarn sprechen. Bei den meisten Grenzen wird mir erzählt, dass es auf der anderen Seite gefährlich und noch viel mehr als das ist. „Was willst du dort eigentlich?“

Zeitig sind wir am nächsten Tag wach und am Rad. Ich mag es aus Städten früh hinaus zu fahren. Es ist eine ganz eigene Stimmung. Die Luft lauwarm. Keine Menschen auf den Strassen. Kein Verkehr. Alles ist ruhig und schläft noch und man hat selbst Zeit, wach zu werden. Ein Genuss. Irgendwie geht es heute ständig bergab, die Räder singen nur so vor sich hin, während wir gutes Tempo in Richtung Grenze zu Pakistan machen. Ein ganzer Wasser-Tankwagen stoppt für uns und füllt unsere Vorräte auf. Viele Polizeikontrollen liegen am Weg, doch von uns will man außer dem Namen unseres Vaters nichts wissen. Sogar das Wohin scheint den meisten mittlerweile doch sehr eindeutig zu erscheinen. Bei einem dieser Kontrollpunkte hält gleichzeitig mit uns ein Pick-up. Die Ladefläche voller Leute. Sie starren uns an als wären sie auf Drogen und wir von einem anderen Stern. Keine Reaktion auf unser Winken. Doch, eine: Als der Wagen wieder losfährt purzelt ein Ladeflächen-Sitzer kopfüber hinten von der Pritsche. „Hoppla!“ Er hat sich zum Glück nichts getan, steht verdattert auf und rennt hinter dem Pick-up her. Der Wagen hält erst als er zum Einordnen in die Strasse kommt, der Fahrer hat seinen Verlust offensichtlich nicht bemerkt, und der arme Kerl hat ziemliche Mühe die Ladefläche wieder zu erklettern bevor der Weg frei ist und weitergefahren wird. Wir müssen herzhaft Lachen. „Hat der doch vor lauter starren vergessen sich festzuhalten!“

Es ist wieder unerträglich heiß und nach hundert schnellen Kilometern erreichen wir die iranisch-pakistanische Grenze. Wir schlafen im „Restaurant Room“ an der Grenze. Eine viel zu laute Absteige. Dafür sind wir am nächsten Tag unter den ersten, die sich bei der Grenze anstellen. Ausreisestempel, Einreisestempel, ab zum Zoll. Lehmhäuser. Kein Asphalt. Ziegen springen am Vorplatz herum. Der übergewichtige Zöllner weiß nicht was er mit uns anfangen soll, so ergreifen wir die Initiative und beginnen unsererseits ihn über die vor uns liegende Strecke durch die Wüste auszufragen. Und nachdem er ja ohnehin gerade nichts Besseres zu tun hat gibt er uns jede Auskunft nach der wir fragen. Angeblich gibt es immer wieder Orte, in denen man Lebensmittel bekommt und auch übernachten kann. Ganz glauben können wir es nicht, denn auch für die iranische Seite wurde uns mehr Infrastruktur versprochen als es schließlich gegeben hatte.

 

 

29.            Sturmtage

 

Einmal über der Grenze, befinden wir uns im pakistanischen Grenzort Taftan. Ein paar kleine Lehmhäuser, die mit Kisten und Brettern irgendwie zusammengehalten werden. Keine asphaltierten Wege. Müll, Ziegen und Hunde überall. Ein süßlich-aromatischer Geruch: eine interessante Kombination aus Tierkot und Gewürzen. Wir spazieren durch den Ort, finden den Bäcker unseres Vertrauens, und kaufen bei ihm jede Menge Fladenbrot. Suchen uns über die Schlaglochpisten des Ortes zur Ausfahrt durch, wo wieder Asphalt beginnt und wir - vom angenehmen Rückenwind angeschoben - hinaus in die Wüste rollen. Die Landschaft hat sich nicht verändert. Sand rechts und links der geraden Strasse so weit das Auge reicht. Strahlend blauer wolkenloser Himmel über orange-braunem Grund. Kein Baum, kein Strauch, kein Gras. Linksverkehr. Ab jetzt, bis zum Ende der Reise. In meinem Kopf beginnt The Edge das Intro von „Where the streets have no name“ zu spielen und ich falle in einen meditativen Trott. Bis die Strasse eine scharfe Linkskurve macht und der Rückenwind zu einem Seiten- bzw. Gegenwind wird. U2 hören auf zu spielen. „Was soll denn das jetzt sein?“ „Jipie, Gegenwind! I like it!“ Das Vorankommen wird mühsamer und der Wind immer stärker. Bis er zu einem Sandsturm anhebt und wir stehen bleiben. „Shit! Ich krieg schon keine Luft mehr durch die Nase. Überall ist Sand.“ Wir vermummen uns so gut es geht die Gesichter. Der Sand sticht wie Nadeln auf der bloßen Haut und kriecht überall hinein. In Ohren, Nase, Augen,… Wir fahren weiter. Die Atmosphäre ist komplett getrübt und grau. Die Art wie der Sand über die Strasse gefegt wird erinnert mich an die Schneestürme, die ich während meines Jahres auf Island oder meiner Zeit auf Spitzbergen erlebt hatte. Die Assoziation mit dem Schnee lässt mich wenigstens die Hitze der Wüste besser ertragen. Kein Verkehr. Ein paar Dünen blockieren die Strasse. „Sind wir hier überhaupt richtig?“ Mühsam müssen wir die Räder durch den Sand schieben. Dann geht es wieder weiter. Plötzlich taucht ein Lehmhaus links neben der Strasse auf. Wir stoppen, klettern von unseren Drahteseln. Eine Teebude. Freundliche Leute, in der typisch pakistanischen Nachthemd-Mode gekleidet, die uns komplett entgeistert anschauen und die berechtigten Fragen nach dem Woher? Wohin? und Warum? stellen. Wir haben keine Antworten, wissen nur wie unser Vater heißt, aber das interessiert hier niemanden. Kratzen Sand aus Ohren und Nasen. Nach ein paar Runden pakistanischem Milchtee mit Kardamon und jeder Menge Zucker fühlen wir uns wieder „fit for fight“ und brechen erneut auf in den Kampf gegen den Sturm. Fragende schokoladebraune, teils bärtige Gesichter schauen uns verständnislos nach als wir davonradeln.

Der Sturm ist eine einzige Katastrophe. Noch ein paar mal ist die Strasse von Sanddünen blockiert und wir müssen die Räder schieben. Patrick dreht sich gequält zu mir: „Wo wollen wir heute eigentlich noch hin?“ „Irgendwohin, wo kein Wind ist wäre mir recht.“ Abends erreichen wir Nok Kundi. Die Lehmhäuser sind aufgrund des Sandsturms kaum zu erkennen. Ein Polizeiposten beim ersten Haus. Wir fragen nach einer Unterkunft. Mit unserem Schönwetterzelt brauchen wir bei diesem Wind nicht einmal an Zelten zu denken. „Unterkunft? Ja, vorne links.“ Vorne links finden wir überhaupt nichts, was irgendwie nach Übernachten aussehen würde. Kein Mensch ist auf der Strasse, sehr verständlich. Vor einem Haus parken mehrere geschmückte pakistanische LKWs, dort schauen wir hinein. Eine Art Gasthaus, mit Teppichen ausgelegt und einigen Leuten, die essen. „Salam! Können wir hier schlafen?“ frage ich einen der so aussieht als könnte er der Besitzer sein. Die Gespräche verstummen, alle schauen uns an, als wären wir nur gekommen um uns anschauen zu lassen. Mein Gesprächspartner überlegt lange, fast schon ein bisschen zu lange. So schwierig war meine Frage nun auch wieder nicht. Dann sagt er lächelnd „yes“ und führt uns durch sein Lokal in den Hof. Hinter uns beginnt wieder das Gemurmel der Gespräche. Am Hof herrscht Weltuntergangsstimmung. Rundum sind offensichtlich so etwas wie Zimmer. In einer Ecke das Klo. In einer anderen die Ziegen. In der Mitte liegt alles herum, was man wahrscheinlich nicht mehr braucht. Kleiner Müll, großer Müll, dies und das. Dort ist auch der Brunnen. Es stürmt und weht den Dreck des Hofes von einer Seite zur anderen. Ich versuche den Mund geschlossen zu halten, als wir den Hof überqueren und auf eine der Brettertüren zusteuern. Unser Zimmer: Ein Lehmloch von etwa 10 Quadratmetern. Kein Fenster, eine Brettertür Marke „Holzschuppen“ und eine Einrichtung bestehend aus Plastikteppichen, die sandig und schmutzig sind. Kein Wunder, denn bei der löchrigen Tür können Katzen und Hunde unbemerkt ein- und ausgehen. Unser Hotelier grinst: „200 Rupie“ sagt er. Ein günstiges Zimmer (ein richtiges) kostet in pakistanischen Städten zwischen 100 und 150 Rupien. Ich protestiere: „Hey, mein Freund, wir wollen es nicht gleich kaufen.“ Doch das lässt unseren noch immer verschmitzt lächelnden Gastgeber komplett kalt. 200 Rupie oder wir können ja auf der Strasse im Sturm übernachten. Uns ist heute schon alles egal. Der Tag im Sturm hat uns komplett fertig gemacht. Wir nehmen sein „Angebot“ an und beziehen das zehnmal zu teure Gemach. Beeilen uns mit dem Essen und Wasser filtern, da es gerade finster wird und unsere Kammer offensichtlich noch nicht über einen Anschluss an das örtliche Stromnetz (sofern es das überhaupt gibt) verfügt. Als es dunkel ist, legen wir uns auf die staubigen Matten. Es ist unerträglich heiß in unserem kleinen Backofen. Wir öffnen die Tür, legen die Köpfe nahe zum Ausgang. Jede Windböe weht merklich Dreck in unsere Absteige. Mir kommt der Müll vom Hof in den Sinn. „Mmh, lecker!“ An Schlaf ist kaum zu denken. Plötzlich steht jemand im Raum. „Was gibt’s?“ Ein Typ ist im Zimmer und schaut uns an. Redet irgendetwas Unverständliches. Noch einer kommt. Einfach um zu schauen. Nachdem wir sie endlich wieder los sind, versuchen wir es wieder mit Türe zu. Keine Chance - viel zu heiß. Türe also wieder auf. Die halbe Nacht haben wir laufend Besuch von Leuten, die die Attraktion des Abends, diese beiden Irren und ihre zwei Fahrräder im Backofen, wenigstens einmal sehen wollen. Wahrscheinlich verlangt unser Hotelier Eintritt dafür. Es ist wirklich nervig. Als dann irgendwann gegen Mitternacht einigermaßen Ruhe eingekehrt ist, beginnt im Hof der Dieselmotor der Wasserpumpe zu hämmern. Also doch dezentrale Stromversorgung. Man hört fast das eigene Fluchen nicht und kann das Ohr nicht mehr auf den Boden legen. „Wollen die uns hier umbringen oder was?“ brüllt Patrick zu mir herüber. „Bin ich froh wenn wir endlich wieder im Sandsturm radeln dürfen. Das ist hier wohl das Schlimmste, das ich je erlebt habe!“ Wir sind komplett fertig und entnervt. Einfach versuchen einzuschlafen, was anderes bleibt uns gar nicht übrig. Dieselmotor. Hitze. Besucher. Sturmböen voll Schmutz. Alles egal. Ich beginne wegzudösen. Als Patrick sich wie ein Stehaufmännchen, blitzschnell wieder aufsetzt: „Yak! Da war was Großes an meiner Wade!“ Wir kramen nach den Stirnlampen. Licht an. Eine zehn Zentimeter lange Küchenschabe hockt auf der Wand gleich neben ihm. „Yammie! Vielleicht können wir uns die noch als Mitternachtssnack rösten.“ Er steht mit einer Sandale bewaffnet auf. Klatsch! Daneben. Das Teil fliegt summend durch den Raum. „Oh, ich hasse es!“ Klatsch! Knirsch! „Pfui Teufel! So, die hätten wir.“ Wir schauen noch eine Runde durch unsere Suite. Kein Getier mehr zu sehen. „Gute Nacht!“ Kurz darauf verfängt sich etwas in meinen Haaren. Ich schüttle mich und bekomme es los. Licht an. Schon wieder so ein Gusto-Teil an der Wand. Klatsch! Knirsch! „Es reicht! Es reicht! Es reicht! Verdammt noch mal!“ Erschöpft falle ich auf mein Lager. Der Motor tackert sich durch mein Ohr und hämmert mein Hirn zu Brei. Ich resigniere, mir ist alles gleich. Nur noch schlafen. Der Schweiß rinnt aus allen Poren. Schmutz weht über uns. Wenigstens kühlt der Wind ein bisschen. Ich schlafe endlich ein…

Komplett verknautscht und paniert in Staub wachen wir auf. Der Sturm ist nur noch ein Lüftchen. Wir wollen so schnell wie möglich los. Als wir die Räder über den Hof in Richtung Strasse schieben, wird gerade eine Ziege geschlachtet. Raus aus dem Stall. Fest gehalten. Kopf nach hinten und kräftig-ritsch-ratsch-angesebelt. Dann wird das Vieh im eigenen Blut zuckend liegen gelassen. Es blutet aus. Wir müssen mit den Rädern einen kleinen Bogen machen, um das Tier nicht auch noch zu überrollen. Ich schaue etwas angeekelt zur verblutenden Ziege zurück: „Na, wenigstens das Fleisch scheint hier frisch zu sein.“

Das Radfahren in der Wüste ist nach dieser Nacht die reinste Wohltat. Der Wind hat nachgelassen, doch die Hitze bleibt. „He Philipp! Super Idee hier im Sommer durchzufahren!“ „Kannst ja auch zu Fuß gehen wenn dir das lieber ist!“ Lachen. Es ist schön mit jemandem unterwegs zu sein, der ebenfalls komplett hinter dem gemeinsamen Vorhaben steht. Auch bei den härtesten Etappen war für uns immer klar, dass wir Radfahren. Und auch ein temporäres Umsteigen auf einen Bus oder LKW war ausgeschlossen und keiner verschwendete jemals einen Gedanken daran.

 

 

30.       Die Zombies, der Zoo im Dorf, die Dornbirner und Pen

 

Wir halten an einem grindigen Schuppen neben der Strasse und trinken ein Cola. Zwei junge Typen ohne Bartwuchs führen die Bruchbude. Sie sehen aus als könnten sie nicht bis drei zählen und ihre Namen vergessen hätten. Wir hocken uns auf die Teppiche. Tote kleine Vögel und ein blutiges Messer liegen am Boden neben Patrick: „Ist wohl eine etwas herbere Gegend hier, was?!“ Ich kippe meinen letzten Schluck Cola hinunter: „Trink aus. Machen wir, dass wir wegkommen. Wer weiß, verwechselt uns noch einer der Zombies mit einem Vogel.“ Wir fahren weiter. Wüste und Hitze, das übliche. Der Wind dreht, weht teilweise von hinten. The Edge beginnt wiedermal das Intro von „Where the streets have no name“ und Bono singt: „I want to run…!” Fröhlich strampeln wir dahin. In Pakistan halten nur wenige, um uns mit Wasser zu versorgen. Wenn doch, dann muss fotografiert werden. Sie uns. Wir sie. Und wir uns alle gemeinsam.

Über Nacht sind wir in  Yakmach, einem Mini-Dorf im Nirgendwo, mit freundlichen Menschen. Kommen am nächsten Tag bis zum größten Ort der Wüstenstrecke, Dalbandin. Es ist nur eine kurze Etappe. Sand. Über 50 Grad Celsius. Ewiges Nichts. Alles wie gehabt. Kein Sandsturm.

Ein alter Klein-LKW am Fahrbahnrand. Vier Straßenarbeiter. Mit großen, hölzernen „Schaufeln“, befreien sie die Strasse von Sanddünen. Andenken an den Sturm. „Salam!“ Wir halten kurz an und plaudern auf Rumänisch. Woher? Wohin? Wie heißt ihr? Lachend winken uns die jungen Männer lachend nach als wir weiterrollen.

Dalbandin ist eine Art Straßendorf, das plötzlich auftaucht. Links und rechts säumen Lehmhäuser die Strasse. Menschen, gekleidet in pakistanische Schlafanzug-Kutten, und Tiere laufen kreuz und quer überall herum. Die Strasse ist plötzlich von Schlaglöchern gepflastert, sandig, staubig und verdreckt. Hitze. Es gibt ein Hotel mit Ventilator über dem Bett. Ein Wunder! „Womit haben wir das nur verdient!?“ Patrick lässt sich zufrieden und erschöpft aufs Bett fallen.

Es ist noch früh und wir flanieren durch den Ort. Steht man in der Mitte sieht man links und rechts die Strasse im Nirgendwo der Wüste verschwinden. Dalbandin hat irgendwie Charakter. Der Ort scheint merklich mehr Funktion als die bisherigen Dörfer zu haben. Um uns seltsam geschäftiges Treiben. Essenstände. Marktläden unter freiem Himmel. Es riecht nach Gewürzen. Daneben ein Tischler. Auto- und Fahrradteile gibt’s auf der anderen Straßenseite. Da schauen wir hin. Wären wir mit einem dieser dunklen Waffenräder unterwegs gewesen, die hier von allen gefahren werden, hätten wir jeden Ersatzteil bekomme! Patrick betrachtet nachdenklich die robusten Stahlfelgen und Bremshebel: „Bin ich froh, dass bei uns noch nichts gebrochen ist. Da müssten wir dann wirklich zu Fuß weitergehen.“ „Ja, oder mit einem der schwarzen Raketen weitermachen.“ „Bin mir fast sicher, dass wir zu Fuß schneller wären.“ Wir spazieren weiter.

Die Nacht beginnt besser als sie endet. Über uns flappt der Ventilator vermeintlich ausdauernd dahin. Ständig ein kühler Luftzug auf der Haut. Herrlich! Doch schweißgebadet wachen wir um Mitternacht auf. Irgendetwas stimmt nicht. „Scheiße! Der Strom ist aus.“ Unsere Zimmertemperatur tendiert wieder in Richtung Backofen. Ich halte es nicht mehr aus, und lege mich draußen auf den Balkon. Ein kurzer Blick rundum bestätigt mir, dass ich nicht der Einzige mit dieser Idee bin. Überall liegen Leute auf den Balkonen und flachen Hausdächern. Ich schlafe wieder ein. Wache auf, Hundegebell. Erst einer, dann stimmen alle Köter des Ortes fröhlich ein und bellen und jaulen was das Zeug hält. Sind die Hunde still fangen die Esel an zu I-Aen. Zuerst einer, dann alle. Danach kommen die Hähne. Hunde, Esel und Hähne lärmen mal ein-, mal mehrstimmig gemeinsam die ganze Nacht durch. „Wie kann man hier nur leben? Ich würde durchdrehen!“ „Ich bin schon durchgeknallt!“ Patrick zeigt mir sein dümmstes Idiotengesicht. Wir lachen. Doch so anstrengend solche Nächte mitunter auch sind, unsere Aufenthalte in den kleinen Wüstenorten, in denen wahrscheinlich so gut wie nie ein Tourist übernachtet,  hinterlassen immer einen tiefen Eindruck. Es ist schön zu erfahren wie es in den diversen Örtchen zugeht und interessant wie unterschiedlich wir oft von der Bevölkerung aufgenommen werden.

Zeitig bin ich auf der Strasse, auf der Suche nach dem Bäcker meines Vertrauens. Ich liebe es in der Früh durch die fast leeren Strassen zu stolpern bis mir eine Bäckerei oder ähnliches unterkommt. Der Bäcker ist dann in der Regel der erste des Tages der mich das berühmte Woher? und Wohin? fragt. Ich gebe gern Auskunft. Komischerweise interessiert es in Pakistan niemanden wie unser Vater heißt. Nicht einmal die Bäcker. Wenn die wüssten, dass einer meiner Großväter auch Bäcker war…

Wir treten in die Pedale und los geht’s. Vorbei an Bettlern, die an der Strasse hocken, und winkenden Kindern. Wir lachen, winken zurück. Im Augenwinkel sehe ich sie hinter uns Steine aufheben. „He! Ich sag’s deinem Papa und…!“ Diesmal hilft mein Schreien nicht und seit der Osttürkei wird der erste Stein nach uns geworfen. Wir ziehen die Köpfe ein, während wir gleichzeitig einen Fußgänger überholen. Pflonk! Der Fußgänger wird am Rücken getroffen. Er dreht sich wutentbrannt um. Beim Zurückschauen sehen wir die Kinder entsetzt davonsprinten. Der Getroffene schimpft ihnen Verwünschungen hinterher. Wir können nicht anders als lachen, und „schwupps“ sind wir auch schon raus aus Dalbandin.

Die Strecke wird abwechslungsreicher. Schroffe graue Berge kommen ins Blickfeld und wir fahren an ihnen entlang. Die relativ breite, neue Strasse endet plötzlich. Eine schlaglochübersäte Fahrspur beginnt sich durch eine Landschaft aus unzähligen kleinen Dünen zu schlängeln, die teilweise in und über die Strasse wachsen. Da hält ein VW-LT-Bus. Zwei lachende europäische Gesichter. Dornbirner Kennzeichen. Wir lachen und stoppen neben dem Bus. Die Türen gehen auf: „Grazer! Das gibt’s je gar nicht!“. Auch für uns ist das Treffen überraschend. Die ersten Österreicher. Woher wissen die eigentlich dass wir aus Graz sind? „Wollt ihr Wasser? Den Radsport Kotnik kenn ich übrigens auch!“ Ach genau, unsere gelben Radtrikots mit der Aufschrift: Radsport Kotnik Graz. Wir quatschen eine Zeit lang und trinken literweise Wasser. Die beiden sind am Weg nach Indien. Machen drei Monate Urlaub. Dann geht’s wieder dieselbe Strecke zurück. „Macht es gut! Vielleicht sehen wir uns ja in Indien wieder.“ Sie brausen davon. Wir rollen vergnügt durch nette Dünenlandschaft weiter. Ein Tag Hitze bis Padag. Wir schlafen im Freien, auf wackligen Betten vor dem Government Guesthouse. Schwärme von Fledermäusen quellen nachts aus Ritzen im Dach. Ein süßer, strenger Geruch begleitet sie.

Am Tag darauf scheint es ständig bergauf zu gehen und wir haben Gegenwind. Das macht keinen Spaß. Wir bewegen uns am Rand der Wüste. Es gibt viele kleine Siedlungen und viel „Hello!“ und Winken beim Vorbeiradeln. Ganz selten fliegen Steine. Komischerweise fragen uns heute alle nach „Pen. Pen.“ „Wer ist eigentlich Pen?“ Dann wird mit einem Finger auf der Handfläche schreiben imitiert. „Hello! Pen!“ So geht es die ganze Zeit, bis wir wirklich keinen Kugelschreiber mehr zu verschenken haben. „Die müssen hier wohl alle von derselben Dorflehrerin unterrichtet werden.“ „Mit der sollten wir mal ein ernstes Wörtchen reden und unsere Schreiber zurückverlangen…“

 


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