Kanadas wilder Westen

und Alaska

eine kanu- und radgeschichte

 

 

  

 


 

Unternommen mit: Valeska Schaudy

 

Vortrag: „Kanadas wilder Westen und Alaska – eine Kanu- und Radgeschichte“

 

Sponsoren: Northland Professional, Radsport Kotnik, Bikers Best

 


    

 

Bericht:

 

 

Die Wildnis, Kanadas Westen und Alaska. Zwei Personen, Valeska und ich. Unterwegs von Brücke zu Brücke. Zwei Räder, ein Bob Trailer, darauf ein aufblasbares Expeditionskanu. Oder, ein aufgeblasenes Expeditionskanu, darauf geschnallt zwei Räder und ein  Bob Trailer.

So sind wir 2003 von Anfang Mai bis Ende September 5000 Strassen- und 2500 Flusskilometer von Vancouver, im Südwesten Kanadas, über Inuvik, die nördlichste Stadt des Landes, die an das Straßennetz angeschlossen ist, nach Anchorage in Alaska unterwegs gewesen. Einsamste Strassen, 50% davon ohne Asphalt, endlose, riesige Flussläufe, Wochen ohne jeglichen Kontakt zu anderen Menschen, nur unsere Räder, unser Boot, und die Wildnis, die uns umgab, waren Begleitung auf dieser Reise.

 

Es war Anfang Mai, als wir in Vancouver, Kanada, unsere Radtaschen zum ersten Mal packten und auf die Räder montierten. Für eine Tour zu dieser Jahreszeit in diesem kühlen Klima waren die Räder sehr spartanisch beladen. Kein  Gramm zu viel wollten wir am Rad haben, denn für mich galt es noch zusätzlich einen insgesamt 40 kg schweren Anhänger mit unserem aufblasbaren Kanu zu ziehen. Für Valeska bedeutete dies, dass sie diejenige war, die die restlichen schweren Ausrüstungsgegenstände aufs Rad packen musste.

Nachdem alles auf Rädern und Anhänger verstaut war, stiegen wir auf und traten in die Pedale. Unsere Fahrt begann.

 

Von Vancouver aus radelten wir Richtung Norden und kamen durch die Whistler Mountains, wo uns Schneefall und Minusgrade überraschten. Über die Pässe und auf der Schattseite der Berge im Osten strampelten wir weiter nach Norden. Das Wetter war regnerisch kühl, mehrmals täglich kamen wir in unangenehme Regenschauer und das An- und Ausziehen der Regenkombi wurde zur unliebsamen Gewohnheit. Das Land war hier im „Süden“ noch nicht die Wildnis, die wir in Kanada eigentlich suchten. Es gab oft relativ viel Verkehr, Road-häuser, Tankstellen, kleine und grössere Orte, wie Lillooet oder Prince George, bis wir nach Smithers in den Steward Cassiar Highway abzweigten.

 

    

 

Mit einem Schlag gab es so gut wie keinen Verkehr mehr, die Strasse wurde schmal, wand sich durch dichten Wald, und Schotter- und Asphaltoberfläche wechselten sich ab. Kaum hatten wir jetzt noch Versorgungsmöglichkeiten, kaum Orte. Schwarzbären, die vor uns auf der Strasse spazierten oder neben der Strasse hockten und an den frisch ausgetriebenen Gräsern kauten, waren von nun an unsere ständigen Begleiter. Am „Spitzentag“ unserer Bärenzählung sahen wir vom Fahrradsattel aus 5 Bären auf nur wenigen Kilometern. Da wir von nun an eindeutig im „bear country“ waren, suchten wir abends unsere Zeltplätze sehr sorgfältig aus und waren bemüht, möglichst keinen Essensgeruch um unser Zelt zu verbreiten. Daher kochten wir mit großer Distanz vom Schlafplatz, verstauten unsere Lebensmittel über Nacht mindestens ebenso weit entfernt und hängten diese hie und da sogar auf Bäume. Nie hatten wir auf unserer Reise unliebsamen, nächtlichen Bärenbesuch, doch oft kroch ein mulmiges Gefühl mit in den Schlafsack, wenn wir wussten, dass rund ums Zelt frische, grosse Bärenspuren waren. 

 

Wir machten einen Abstecher nach Westen, über die Berge an die Küste nach Hyder, Alaska, und fuhren danach den Steward Cassiar Highway weiter nach Norden. Als wir den Dease River erreichten, beluden wir das erste Mal unser Kanu mit der Ausrüstung und den Rädern, die wir zerlegt quer auf das Boot schnallten, und paddelten unsere ersten zwei Bootstage den Fluss hinunter. Die kurze Fahrt auf dem kleinen, mit angenehmer Strömung durch dichten Wald dahinmäandrierenden Fluss, vorbei an etlichen Elchkühen und Kälbern, die wir am Ufer und im Wasser schwimmend sahen, war für uns eine Art Trainingstour für die beiden geplanten langen Flussfahrten unserer Reise.

 

Wieder am Rad sitzend, erreichten wir bald den Alaska Highway, die Hauptroute in den nördlichsten Bundesstaat der USA, eine relativ große Strasse mit viel Verkehr. Nur kurz waren wir auf diesem Highway unterwegs, fuhren nach Whitehorse, um dort Lebensmittel für unsere erste lange Flussfahrt zu besorgen, und stachen dann bei Johnsons Crossing „in See“.  Vier Tage paddelten wir am Teslin River dahin, bis dieser in den Yukon mündete. Immer grösser wurde der Yukon, und in immer mehr Kanäle und Inseln verzweigte sich der Fluss. 14 Tage benötigten wir insgesamt bis Dawson City. 14 Tage durch eine herrliche, einsame Landschaft, und das Leben reduzierte sich auf Fluss, Schlafplatz, Essen und Lagerfeuer.

 

   

 

Dawson City erreichten wir am 10.07. Die kleine Stadt war für uns gleichfalls ein großes Ziel, sowie ein Ort für viel Organisation und logistische Überlegungen. Unser weiterer Plan war es, einerseits mit den Rädern den Demster Highway bis Inuvik, den nördlichsten mit einer Strasse erreichbaren Ort Kanadas, zu fahren, andererseits am Rückweg von Inuvik nach Dawson in ein langes Flusssystem (Eagle-, Bell-, Porcupine- und Yukon River) einzusteigen, und nach Zentral-Alaska zu paddeln.

An der 800 km langen Schotterstrasse nach Inuvik gab es, außer einer Tankstelle namens Eagle Plains in der Mitte der Strecke, keine Versorgungsmöglichkeiten. Das wussten wir und somit war eine Planung bezüglich Lebensmittel relativ einfach.

Schwieriger hingegen war es unsere Kanufahrt zeitlich zu planen. Es gab kaum Information über die Strecke, wir bekamen für manche Teilstücke keine brauchbaren Karten und fanden niemanden, der dieses Flusssystem schon einmal zusammenhängend gepaddelt war oder kannte. Letztendlich „rechneten“ wir mit maximal fünf Wochen am Fluss und organisierten jemanden, der die Lebensmittel für unsere Bootstour zur Tankstelle nach Eagle Plains brachte, da wir sie aufgrund von Masse und Gewicht unmöglich am Rad transportieren konnten.

Das Organisatorische war vorerst erledigt, ich montierte den Anhänger mit dem Boot an mein Rad, Valeska packte ihre Radtaschen mit Lebensmitteln für über eine Woche, da wir am Weg nach Inuvik auch noch ein paar Wanderungen in der Tundra Nordkanadas unternehmen wollten. Schließlich brachen wir auf in Richtung Norden.

 

Anfangs war die Piste noch in hervorragendem Zustand und wir rollten leicht, jedoch unter erschreckend dunklen Regenwolken, dahin. Bald schon änderten sich Wetter und Straßenverhältnisse. Es wurde warm, die Sonne knallte die gesamte restliche Strecke bis Inuvik auf uns herab, wir erlebten die bisher längste Schönwetterperiode auf unserer Tour. Jedoch war der Demster Highway jetzt von Schlaglöchern übersät, oft grob und tief geschottert, es gab viele Anstiege und das Treten bis Eagle Plains war mühsam.

Dort angekommen deponierten wir den Anhänger mit dem Boot, da wir auf der Rückfahrt bei der Brücke über den Eagle River, gleich in der Nähe der Tankstelle, das Kanu für unsere längste und anspruchsvollste Flussfahrt zu Wasser lassen wollten.

Nun mit 40 kg weniger Gepäck war das Radfahren entsprechend leichter und zügig fuhren wir weiter, vorbei an den kleinen Inuitdörfern Fort Mc.Pherson und Tsiigehchic nach Inuvik, unserem nördlichsten Punkt.

 

Inuvik war eine „Nichts-Sagende-Stadt“, doch es war angenehm für uns, nach der langen, staubigen Pistenfahrt, für ein paar Tage zu relaxen, bevor wir den Rückweg bis Eagle Plains antraten.

Wieder auf der Strasse machten wir erstmals Bekanntschaft mit dem typischen Herbstwetter und kamen in heftige, lang anhaltende, kalte Regengüsse. Oft blieb uns nichts Anderes übrig, als trotzdem weiterzustrampeln. Das Material litt, die Zahnkränze quietschten und jammerten aufgrund von Wasser und Morast, der sich in ihnen fing, und wir waren bis auf die Knochen durchnässt und ausgekühlt bis wir nach fünf Tagen endlich Eagle Plains erreichten.

 

   

 

Das Wetter änderte sich kurzzeitig zum Guten und wir beluden in dieser Regenpause unser Boot. Immer besser managten wir das Verstauen von Lebensmitteln und Ausrüstung und das Zerlegen und Aufs-Boot-Montieren der Räder. Am 08.08. legten wir bei der Brücke über den Eagle River ab, und paddelten für geschätzte drei bis fünf Wochen ins Ungewisse.

 

Der Eagle River floss träge dahin, hatte hie und da kleine Stufen und fast immer steile Böschungen, die das Anlegen und vor allem Zelten schwierig bis teilweise unmöglich machten. Wieder gab es eine Wetteränderung und ein fast ständig anhaltender Dauerregen begleitete uns die erste Woche am Fluss. Untertags im Kanu paddelten wir so lange bis uns im Regen einfach zu kalt wurde, abends hockten und standen wir ums Feuer unter der Regenplane und versuchten unsere klitschnassen Sachen zu trocknen und uns wieder einigermaßen aufzuwärmen.

 

Der Eagle mündete in den Bell und der Bell in den Porcupine River. Immer größer und breiter wurde der Flusslauf, das Wetter war noch immer wechselhaft, teils regnerisch, teils windig, aber auch Sonnentage durften wir genießen. Nach insgesamt acht Tagen am Fluss gelangten wir zu dem kleinen Indianerort Old Crow, der nur über den Wasser- oder Luftweg erreichbar ist. Wir wurden freundlich aufgenommen und paddelten, nach zwei interessanten Tagen bei der Jäger- und Sammlergesellschaft, weiter flussabwärts.

 

Laufend sahen wir vom Boot aus Elche, Bären und Rentiere, wir zelteten auf Inseln und an Sandstränden, kochten am Feuer und genossen die Ruhe der Landschaft.

Der Porcupine wuchs immer mehr zu einem großen Strom an, und nachdem wir einen schmalen Canyon durchpaddelt hatten, fuhren wir über den imaginären Grenzstrich nach Alaska, wo sich der Fluss zusehends zu verzweigen begann. Ein Orientieren war mit unseren Kartenskizzen, die wir für diesen Abschnitt mithatten (richtige Karten waren weder in Dawson City noch in Inuvik zu bekommen gewesen),  kaum möglich und nicht immer gelang es uns, den kürzesten Weg durch das vernetzte Flusssystem zu finden.

 

Letztendlich ergoss sich der Porcupine in den Yukon River und wir befanden uns in einem Fluss- und Inselgewirr, das in seinen Ausmaßen kaum beschreibbar ist. Hier in den so genannten Yukonflats wird der Yukon etliche Kilometer breit, verzweigt und verästelt sich in unzählige kleine und große Arme, bildet Inseln und Sandbänke. Das Orientieren war für uns anfangs nur per GPS möglich, und obwohl wir Kopien von relativ genauen Karten hatten, konnten wir unsere Position damit nie exakt bestimmen., so waren wir die ersten Tage in den Flats sprichwörtlich im Blindflug unterwegs. Später vereinigte sich das Gewirr der Kanäle immer mehr, bis der Fluss schließlich zwischen Hügeln zu einem einzigen großen Strom zusammenfloss. Wir kamen nach insgesamt vier Wochen am Wasser wieder zu einer Brücke, der Yukonbrücke des Dalton Highways im zentralen Alaska. Hier legten wir an und nahmen das Kanu aus dem Wasser, montierten unsere Räder zusammen und starteten zu unserer letzten Etappe nach Fairbanks und in Folge nach Anchorage.

 

   

 

Mittlerweile war es Anfang September, das Laub der Wälder war gelb und rot gefärbt, in der Nacht gab es bereits tiefe Minusgrade, der Herbst hatte Einzug genommen. Anstrengend erwies sich die Fahrt über unzählige lang gezogene Hügel auf dem grob geschotterten und von Schlaglöchern übersäten Dalton Highway nach Fairbanks. Die Stadt versprühte auf uns zwar wenig Flair, war jedoch seit Inuvik, seit etwa sechs Wochen, die erste Siedlung auf unserer Strecke, die man auch nur annähernd als Stadt bezeichnen konnte.

Und hier war der erste Zoll an unsere Strecke in Alaska, bei dem wir uns den Einreisestempel in die USA besorgen wollten, nachdem das am Fluss natürlich nicht möglich war. So radelten wir zum Flughafen und besuchten die Zöllner mit der Bitte unsere Pässe zu stempeln. Die Burschen waren anfangs gehörig unfreundlich, aber nachdem sie uns aufgeklärt hatten, dass unser Einreiseverhalten absolut illegal war, wurden sie freundlicher, und stempelten letztendlich unsere Pässe mit dem Vermerk, dass wir schon seit drei (!) Wochen im Land waren. Mit reuigem Blick verabschiedeten wir uns. Als wir außer Sicht waren, lachten wir los und hatten beinahe ein stolzes Gefühl in Zeiten wie diesen wochenlang illegal in den USA gewesen zu sein.

 

Wir blieben noch ein paar Tage in Fairbanks und radelten schließlich zum krönenden Abschluss, bei herrlichstem Wetter, aber bereits permanenten Minusgraden, vorbei an den weißen Gipfeln von Denali und der Alaska Range, dem Ziel unserer Reise – Anchorage - entgegen, wo wir am 18.09. 2003 vom Rad stiegen.

 

Wir hatten auf dieser Reise zwei sich ergänzende Transportmittel wechselweise eingesetzt, um eine spannende und anspruchsvolle Strecke zu bewältigen. Nun, nach 5000 km auf der Strasse und 2500 km am Fluss, am Ende der Tour, waren wir davon überzeugt, eine der besten Kombinationen an Fortbewegungsmitteln gewählt zu haben, um Kanadas Wilden Westen und Alaska auf extreme Weise erleben zu können.

 

    

 


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